Mein Leben als engagierte Hockeymuddi oder „Was ist denn bei Euch nicht richtig im Kopf?“

gepostet von Kerstin

Meine 9jährige Tochter Lotti spielt Hockey. Neuerdings. Und natürlich im besten Club der Stadt, das wollte mein Exmann aka top-engagierter Lotte-Papa so (ohne Ironie!). Und ehrlich gesagt ist die Lage des Clubs auch sehr praktisch, weil er direkt neben meinem Arbeitgeber ist. Und das wiederum ist besonders gut, weil ich statt am Spielfeldrand zu stehen, in der Redaktion sitzen kann, was wiederum sehr gut ist, weil einige der Hockey-Muddis (hier fühlen sich bitte nur diejenigen angesprochen, die gemeint sind ;-)) auf Distanz um einiges erträglicher sind, als im direkten Kontakt.
Ein kurzer Umriss des Grauens: Wenn der Club im Taunus wäre, sprächen wir bei gemeinten Exemplaren von Taunusmuttis, die mit den dicken SUVs den kompletten Platz verstellen und ihre Kinder alle viel begabter finden, als der jeweilige Trainer, der sich mit ihnen rumschlagen muss. Während sich die Muddis also – dank Botox – mit unverändertem Gesichtsausdruck echauffieren, steige ich auf mein Fahrrad und radele erleichtert ins Büro und arbeite noch ein bisschen. Distanz ist die Devise!
Aber dann – eines Tages im Sommer 2018 – kommt mir mein großes Muddi-Herz in die Quere: Für das anstehende Hockeycamp mit Zeltübernachtung wird noch ganz dringend eine freiwillige Mutter gesucht, 2 Papas waren schon am Start, nun fehlte … anscheinend ich!? Viele der Mütter hatten diese Betreuungs-Übernachtung schon in den Vorjahren übernommen, andere waren so kurzfristig schon verplant und die Taunus-Muddis … Ja, welche Taunus-Muddi würde denn freiwillig im Zelt übernachten? Und: Welche Taunus-Muddi kann zwischen Friseur-, Kosmetiktermin und Aufgabenzettel fürs Au pair Mädchen schreiben, denn 2!! Tage NUR fürs Kind da sein?
Und hinzu kommt: Lotti ist neu im Club, ich stehe fast nie jubelnd oder schimpfend am Spielfeldrand, und ich war mal bei den Pfadfindern, also im Zelt schlafe kann ich. Vielleicht wird es ja sogar ganz nett!?
Außerdem sind die Taunus-Eltern ja ganz bestimmt total gut organisiert und packen die Taschen der Kinder, ohne das irgendwas fehlt und irgendwelche Katastrophen vorprogrammiert sind, immerhin wissen diese Eltern ja auch schon jetzt in welchem Fach ihre (8 und 9 Jährigen!) Mädchen an der Uni promovieren werden!
Aber – es ist sehr traurig, aber auch maximal wahr – bei so viel Zukunftsplanerei ist es anscheinend nicht möglich, an – zum Beispiel – das Frühstücksgeschirr zu denken. 7 von 10 Kindern hatten weder Messer, Gabel, Teller oder Becher dabei. Mein nächster, unausgeschlafener Morgen startete also mit:  

Kind 01: Kerstiiiiin, ich habe keinen Becher (Nervenzusammenbruch) 

Kind 02: Kerstiiiiin, ich habe keinen Teller (Nervenzusammenbruch) 

Kind 03: Kerstiiin, ich habe keine Besteck (Nervenzusammenbruch) 

u.s.w. (und das trotz 5facher Erinnerungsmail!!) 

Ich habe das Hockeycamp dann aber – trotz aller Widrigkeiten – inklusive eiskalter Nacht und der Erkenntnis, dass Zelten als 12jährige Pfadfinderin irgendwie besser ist, als als 41jährige Muddi mit Bandscheibenvorfall, doch noch ganz gut überstanden. Trotzdem bin ich sehr froh, als wir – mit gepackten Taschen und Zelten – kurz vor der Abfahrt stehen … ich bin froh, bis: 

„Kerstiiiin, ich weiß nicht, wie ich nach Hause komme!“ 

„Wir treffen uns mit allen Eltern vorm Clubhaus, deine Mama soll um 15 Uhr da sein, ruf sie aber lieber nochmal an!“ 

„Kerstiiin, meine Mama hat gesagt, ihr sollt mich zu Hause absetzen, sie ist dann nämlich gar nicht in der Stadt!“

„Dann ruf deine Mama bitte nochmal an und sag ihr, dass das natürlich nicht geht und dass sie bitte wie besprochen –  und wie alle anderen – um 15 Uhr am Clubhaus sein soll!“

„Kerstiiin, das Handy meiner Mutter ist aus!“

Natürlich ist das Handy jetzt aus. Und natürlich ist es auch solange aus, bis wir das Mädchen zu Hause abgesetzt haben, wo uns im Übrigen eine nette Hausangestellt öffnet!

WARUM IST DIE NICHT ZUM CLUBHAUS GEKOMMEN? 

Und irgendwann meldet sich dann eine hörbar entspannte Mutter bei mir: 

„Ach wie toll, dass ist so nett, dass ihr meine Tochter nach Hause gebracht habt … mein Akku war leer und ich hatte keine Möglichkeit mein Handy aufzuladen (???)    aber im nächsten Jahr übernehme ich die Betreuung, …  dann Zelte ich da ….  blablabla!“ …  Und dann fragt sie mich, wann ich ihr denn den Impfausweis ihrer Tochter in den Briefkasten schmeißen könne …???

Und ich frage mich: „Was ist denn bei Euch nicht richtig im Kopf?“ 

      

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2 Gedanken zu “Mein Leben als engagierte Hockeymuddi oder „Was ist denn bei Euch nicht richtig im Kopf?“

  1. Katha schreibt:

    Hhm, ich musste ziemlich schmunzeln… Wir wohnen seit drei Jahren in Bad Homburg. So, manch eigene Beobachtung und Erfahrung deckt sich doch so ziemlich mit Deiner Beschreibung!
    Herrliche Sozialstudie.
    Herzliche Grüße

    Gefällt 1 Person

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